Lilith – Archetyp der Wilden Frau (Teil 4)


GEFÄHRTEN
Samael, oder auch Azazel, ein satyr-ähnlicher Fruchtbarkeitsgott und Gebieter der Unterwelt, wird oft als Liliths Gefährte erwähnt. Er ist das hebräische Pendant zu den griechischen, römischen und keltischen Vegetations- und Fruchtbarkeitsgöttern Dionysos, Bacchus, Faunus, Pan, Herne und Cernunnos. Wie Samael erfuhren auch diese im Verlauf des christlichen Mittelalters eine negative Umdeutung, indem sie zum äußerlichen Vorbild für die christliche Mythologie-Gestalt des Teufels wurden.
Die junge Lilith ist die Partnerin von Ashmodai, der laut christlicher Dämonologie ebenfalls ein Höllenfürst wie Samuel und Azazel ist und die Menschen vom Pfad der Keuschheit abbringt. Frauen und Männer zur “Unzüchtigkeit” zu verführen, Begierde und Wolllust in ihnen zu erregen, waren, wie es aussieht, wohl seine einzigen “Vergehen”, was aus christlicher Sichtweise aber schon ausreicht, um ihn zu diffamieren – bei den Christen galt Unkeuschheit als Todsünde.
Entfernt man die christlichen Moralauffassungen, können wir auch in Ashmodai einen phallischen Fruchtbarkeitsgott erkennen, der in seiner Funktion perfekt zu Lilith passt.
In der Bibel wird der Erzengel Raphael von Gott gesandt, die abtrünnigen Engel Ashmodai, Samael und Azazel, jetzt als “böse Dämonen” bezeichnet, für ihr “Vergehen” zu bestrafen, indem er sie bindet, steinigt und in die Finsternis wirft …
An diesem Beispiel kann man sehr schön erkennen, wie weit sich das mittelalterlich-christliche Idealbild eines Menschen von der Natur entfernt hat.
Natürlich kommt auch Lilith in der christlichen Geschichtsschreibung nicht gut weg, verkörpert sie doch das weibliche Pendant der “dämonischen Incubi” Ashmodai, Samael und Azazel – den “Succubus”, ein mit einem Mann buhlender weiblicher Teufel. Sie wird als Hure Satans und Prinzessin der Hölle verunglimpft und ist demnach ebenso ein verstoßener und gefallener Engel wie ihre Gefährten.
Des Nachts soll sie als eine Art geflügelter Vampir allein schlafende Männer aufsuchen, um sie zu erregen und zu verführen. Es heißt, daß Lilith so kundig in der Liebe ist, daß ein Mann nach einer Erfahrung mit ihr nicht länger durch eine sterbliche Frau befriedigt werden kann.
Besonders für die christlichen Männer des Mittelalters wurde Lilith zum Inbegriff der verlockenden, begehrenswerten Frau und Projektionsfläche für ihre Ängste und verbotenen Gelüste – was, wie wir wissen, fatale Folgen für das weibliche Geschlecht hatte.

CHRISTLICHE LEGENDEN
Lilith war einst als untertänige Gattin für Adam eingeplant, wurde jedoch des Himmels verwiesen, als sie sich weigerte, dem Adam eine gehorsame Frau zu sein. Ihr Ungehorsam bestand darin, beim Sexualakt nicht unter ihm liegen zu wollen. Von Männern dominierte (bes. christliche und moslemische) Gesellschaften bestehen jedoch auf der “Missionarsstellung”, die den Mann zum Überlegenen macht. Jede andere Spielart ist für sie Sünde.
Lilith ist jedoch weder Christin noch Moslemin. Verärgert über Adams sexuelle Rücksichtslosigkeit flog sie zum Roten Meer, um sich einen anderen Geliebten zu suchen …
Gott, wahrscheinlich mittlerweile der Abtrünnigen überdrüssig, schickt mal wieder seine Engelsboten aus mit dem Auftrag, die Widerspenstige zurückzuholen – aber ohne Erfolg. Eigenständig und willensstark wie sie nun mal ist, mißachtet Lilith Gottes Befehl und bleibt lieber bei ihrem neuen und wilden Geliebten Samael am Roten Meer. So sah Gott sich gezwungen, Adam eine neue Frau an die Seite zu geben – Die liebliche und (vorerst noch) gefügige Eva.
Lilith ist es jedoch ein Bedürfnis, Frauen als selbständige, starke Wesen zu sehen und so schenkt sie Eva die Gabe der Neugier und verlockt sie, von der “verbotenen Frucht der Erkenntnis” zu kosten. Eva erlangt nun ebenfalls Bewusstsein und möchte, daß auch ihr Gefährte Adam wissend wird wie sie: So überredet sie ihn, auch von den Früchten des Baumes zu essen. Dann schreitet Gott ein, ist ärgerlich, weil Adam und Eva sich seinen Geboten widersetzt haben und wirft sie aus dem Paradies, d.h. sie werden jetzt sterblich.
Lilith jedoch ist nicht vom Sündenfall betroffen und hat sich somit ihre Unsterblichkeit bewahrt.
Teil 5: Lilith in Mythen und Literatur

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